05.11.2014
Der Mensch im Mittelpunkt

Nachbericht: Das war der Fachkongress Industrie 4.0

Beim Fachkongress „Industrie 4.0“ von WEKA FACHMEDIEN ÖSTERREICH, Fraunhofer Austria und der TU Wien waren mehr als 130 Top-Entscheidungsträger anwesend.

Zahlreiche Erfolgsbeispiele zeigten, wie KMU und auch Global Player von der aktuellen Industrieentwicklung profitieren können. Und das BMVIT informierte darüber, wie die (EU-)Politik das Ziel der Re-Industrialisierung verfolgt und heimische Unternehmen unterstützt.

Am 4. November veranstaltete WEKA FACHMEDIEN ÖSTERREICH zusammen mit Fraunhofer Austria und der TU Wien die Premiere des Fachkongresses „Industrie 4.0". Mit mehr als 130 Teilnehmern war die Florido Lounge im Florido Tower (Wien) bis zum letzten Platz belegt. Fachlich höchst repräsentative Referenten konnten die Erwartungen der Teilnehmer und das große Informationsbedürfnis auf dem Gebiet der aktuellen Industrieentwicklung mehr als erfüllen. Somit war der erste Fachkongress „Industrie 4.0", der als substanzielle Ergänzung zur WEKA-Fachzeitschrift „technik report" geschaffen wurde, ein voller Erfolg, der nach einer Fortsetzung im nächsten Jahr verlangt.

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Grundlegende Situation

Insgesamt stand neben der Technik mehr der Mensch und dessen Bedürfnisse im Mittelpunkt der meisten Vorträge und der darauf folgenden Diskussionen. Der fachliche Leiter Professor Wilfried Sihn, Geschäftsführer Fraunhofer Austria startete mit einem Hinweis auf Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, die langfristige Entwicklungen analysiert und bereits 2008 darauf hinwies, dass sich der Industriestandort Deutschland im internationalen Vergleich weniger gut entwickeln würde.

Gleichzeitig kam aus diesen Reihen auch der Hinweis auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) und dass sich mit einem Mix der Möglichkeiten aus IKT zusammen mit Maschinen und Produkten dagegen ankämpfen ließe. Deutschland sei seit Jahren sehr aktiv auf diesem Gebiet und Sihn forderte die anwesenden Entscheidungsträger auf, sich diesem Thema in Österreich ebenso intensiv anzunehmen. Er stellte die zentrale Frage: „Wie schaffen wir es in Österreich bei diesem Thema mindestens auf das gleiche Tempo zu kommen beziehungsweise noch schneller bei dieser Entwicklung zu sein?"

Professor Wilfried Sihn, Geschäftsführer Fraunhofer Austria: „Unser großer Vorteil gegenüber Konkurrenten wie China sind unser Know-how und das Ausbildungsniveau unserer Arbeitskräfte“
Bild: Weka/cp  

Und Sihn ergänzt mit einer noch grundlegenderen Frage, die sich jeder Unternehmer stellen sollte: „Wie kann man damit einen Mehrwert für meine Kunden schaffen?" Die Diskussion, ob nun Industrie 4.0 eine Revolution oder eine Evolution mit langsamen Schritten sei, quittiert er mit „das ist eigentlich völlig egal, aber, es ist eine riesen Chance". International würden sich derzeit alle großen Industrienationen damit beschäftigen, die Definition sei allerdings verschieden. Die Amerikaner etwa behandeln die Thematik mit dem Überbegriff „cyber-physical production systems" (CPPS).

Im Grunde geht es den führenden Industrieländern darum, Nachteile auf dem Gebiet der Energiekosten und bei Rohstoff-ressourcen mit Fortschritt wettzumachen. Und es geht um eine Re-Industrialisierung. Nachdem – spätestens nach den Krisenjahren – überall erkannt wurde, dass Länder und Regionen mit einer starken Industrie gegen Krisen besser gewappnet sind, würde dieses Ziel auch für Staatschefs führender Nationen nun oberste Priorität darstellen, sowohl für Angela Merkel als auch Barack Obama. Daneben entwickelt sich laut Sihn ein Wettbewerb um die besten Köpfe, um gut ausgebildetes Personal auch für die Zukunft.

Nebenbei müsse man angesichts eines drohenden Fachkräftemangels (der sich lediglich aus der Alterspyramide ableiten ließe) heute schon daran denken, wie in Zukunft auch ältere Mitarbeiter wieder vermehrt in die Arbeitswelt eingebunden werden können. Natürlich stünden laut Sihn Technologiesprünge um Big Data, Cloud Computing oder der Weiterentwicklung der Sensorik bevor, jedoch habe das Thema auch menschliche und soziale Komponenten und Auswirkungen. „Das Interessanteste daran ist vielleicht, dass man damit ganz neue Geschäftsfelder starten kann", so Sihn.

Im Anschluss präsentierte Sihn zahlreiche Praxisbeispiele, die zeigen, wie mit dem Grundgedanken von Industrie 4.0 Kundenbedürfnisse auf neue Weise besser erfüllt werden konnten, etwa beim Hygieneanbieter Hagleitner, der über Sensoren auf Toiletten Seifenspender und WC-Papier im Fußballstadion rechtzeitig nachfüllt, oder vom Mähdrescherhersteller Claas, der mittels der modernen Elektronik eine hohe Verfügbarkeit der Maschinen sicherstellt. Daten seien heute weltweit verfügbar, die Speicherung großer Datenmengen stelle ebenso keine große Herausforderung dar, das Auswerten, die Analyse allerdings schon noch. Laut Sihn gilt es intelligente Router einzusetzen, die selektieren, welche Daten tatsächlich relevant seien.

Geistige Ablehnung überwinden

Sihn sieht einen „ganz großen Schwerpunkt" in Österreich darin, den Menschen in den Mittelpunkt der Produktion zu stellen, ihn besser zu integrieren. Und die größten Hürden seien keine technischen sondern Denkweisen vieler Menschen, eine Ablehnungshaltung oder das Festhalten auf traditionelle Arbeitsweisen. Sihn teilt das Personal in drei Gruppen ein: in jene Gruppe, die Vorteile einer (technischen) Verbesserung begreifen und bei Veränderungsprozessen federführend sind, in eine Gruppe Miesmacher und in eine große Gruppe, die einfach mitmachen, die Frage sei, nur wobei. Gleichzeitig beziffert er diese Aufteilung in einem prozentualen Verhältnis von 20/60/20 (60% „Mitmacher"). Insgesamt gibt Sihn – vor der Gründung von Fraunhofer Austria 23 Jahre bei Fraunhofer Stuttgart – den österreichischen Unternehmen noch mit: Österreich ist ein Industrieland, weniger ein Tourismusland, und Industrie 4.0 habe eben großes volkswirtschaftliches Potenzial.

Rolle der Politik

Ins selbe Horn blies anschließend Ingolf Schädler, Bereichsleiter Innovation und Sektionsleiter-Stellvertreter des BMVIT, indem er darstellte, welche Relevanz die Sachgüterproduktion hat. Rund 30.000 Unternehmen beschäftigen in Österreich 670.000 Mitarbeiter und erzielten im letzten Geschäftsjahr eine Bruttowertschöpfung von 57 Mrd. Euro. 33 österreichische Unternehmen (mit einer Exportquote von 56 %) zählen zu den Weltmarktführern.

Ingolf Schädler, Bereichsleiter Innovation und Sektionsleiter-Stellvertreter des BMVIT
Bild: Weka/cp  

Seine wichtigste Botschaft war vielleicht: „Industrie 4.0 ist seit dem Forum Alpbach (jährliches Wirtschafts- und Politikertreffen im August; Anmerkung) auf der Ebene der politischen Diskussion angekommen". Und dementsprechend würden die Weichen nun gestellt, mit weiteren Fördergeldern (rund 1 Mrd. Euro wurde seit 2004 in die Förderung der Produktionsforschung investiert), mit Vorführfabriken, um Unternehmen die Möglichkeiten einer Industrie 4.0-gerechten Produktion zu zeigen und zahlreichen anderen Maßnahmen, „um jetzt die Chance zu ergreifen". Zu Beginn 2015 soll eine „'open platform' des BMVIT auf repräsentativer Ebene" dafür zur Verfügung stehen. Und Schädler informierte darüber, dass der seit Kurzem aktive, neue Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie, Alois Stöger, ein „gelernter Werkzeugmacher" sei, der „Österreich als ‚Frontrunner' in Industrie 4.0" weiterentwickeln wolle.

Industrie 4.0 in der Praxis

In den folgenden Fachvorträgen ging es um moderne Fertigungsansätze. Das Ziel einer Industrie-4.0-Fabrik sei eine geringe Losgröße bei hoher Varianz und geringen Kosten, so der Tenor. Dazu präsentierte etwa Christian Amon von der steirischen M&R Automation zahlreiche Beispiele. Auch er findet, dass der Mensch im Mittelpunkt von Industrie 4.0 stehen wird. Die Automatisierung wird künftig Menschen entlasten und unterstützen.

Dementsprechend werde sich aber auch das Anforderungsprofil an den Menschen ändern – künftig soll der Mensch vermehrt Tätigkeiten wie Überwachung, Wartung und das Eingreifen in Sonderfällen übernehmen. Sogenannte „kollaborierende Leichtbauroboter" sind für Amon eine gute Alternative zur „Hartautomation", die ohne Menschen auskommt, aber hinsichtlich Varianz und Flexibilität beschränkter sei als die „Hybride Montage", eben die perfekte Kombination aus Mensch und Maschine in der Produktion. Und der Automatisierungsexperte meint, es gehe künftig darum, zu „vereinfachen, nicht komplexer zu gestalten".

Genauso bot Reinhard Nowak vom Startup LineMetrics Einblick in sein tägliches Schaffen, das vor allem dem Erfassen und Analysieren von Daten gilt. Mit 15 Mitarbeitern entwickelt er schlanke Lösungen, um bestehende MES-, ERP-, PLM- oder andere Systeme mit entsprechend benötigten Daten zu versorgen. Die Kosten dafür könnten durch kleine Lösungen „entschärft" werden.

Pilot-DemonstratI4.0nsfabrik

Detlef Gerhard, Professor der TU Wien, präsentierte das Forschungsprojekt „TUWIn 4.0", wo es darum geht, verschiedene Fakultäten rund um die Themen Maschinenbau, Informatik und Virtuelle Produktentwicklung zusammenzubringen. Zwar gab es seiner Meinung nach bereits 1983 mit CIM (Computer Integrated Manufacturing) erste Ansätze zu Industrie 4.0, doch erst jetzt sind Entwicklungen wie Smart Factory, Smart Products und Smart Services voll im Gange. Er sieht die Vision, dass bald mehr Maschinen miteinander vernetzt sein werden als Menschen nicht mehr in weiter Ferne.

Und er machte darauf aufmerksam, dass bei Produkten immer öfter der gesamte Lifecycle – von der Entstehung bis zu Entsorgung – betrachtet werden wird. Zum Thema Datenspeicherung in der Cloud gibt er preis: „Die größten Gefahren (betreffend Datenklau) gehen immer von innen aus!" Beispielsweise würden E-Mails mit Datenblättern ohne Verschlüsselung ständig versendet werden. Bei der TU Wien wird es demnächst eine „Pilot-DemonstratI4.0nsfabrik" geben – ein Nachbau einer variantenreichen Serienfertigung am Beispiel der Automobil- und Automobilzulieferindustrie. Österreichische Betriebe könnten sich seiner Meinung nach hierbei speziell bei Safety-Themen bewähren.

130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zum ersten Fachkongress Industrie 4.0

Bild: Weka/cp  

Frank Possel-Dölken, Director Manufacturing Systems von Phoenix Contact – dem Hauptsponsor des Kongresses – begann seinen Vortrag mit einer Warnung in Bezug auf die Produktionsoptimierung: „Je mehr wir vernetzen, desto weniger wandlungsfähiger sind wir!" Einmal mehr würden unheimlich viele neue Begriffe uns begreiflich machen wollen, „dass die Welt durch die Technik wieder einmal besser wird". Aber eigentlich gehe es darum, darüber nachzudenken, wie man Industrie 4.0 und bewährte Lean Systems gut kombinieren kann. Eine „einfachere Automatisierung" sei eher das Thema für Phoenix Contact. Und universell einsetzbare Personen seien künftig im Produktionsbetrieb verstärkt gefragt. Er kündigte bereits eine Demonstration zum Thema Industrie 4.0 auf der „Hannover Messe" im nächsten Jahr an, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Der „Demonstrator ClipX" soll dann veranschaulichen, wie Firmen aus den verschiedensten Bereichen kommend gemeinsam technische Intelligenz erarbeiten.

Datenbrille und Simulations-Software

Nach einer Einführung in das Thema „Augmented Reality" im Bereich Industrie und hier vor allem beim Service stellte Peter Brandl von Evolaris Next Level (Graz) seine Erfahrungen nach einigen Tests von heute schon verfügbaren „Datenbrillen" dar. Deren Entwicklung befinde sich jetzt zwar noch in der Pilotphase, der Launch stehe allerdings laut Brandl in spätestens ein bis zwei Jahren bevor. 20 bis 30 Anbieter würden derzeit hinsichtlich Funktionen, Größe und Gewicht der Datenbrillen ständig neue Maßstäbe setzen – die „Google Glass" beschreibt er als keine echte Datenbrille, bei der die reale Sicht mit virtuellen Daten oder Grafiken überlagert wird. Produkte von Epson, Recon oder Lumus lobt er dagegen hinsichtlich Ergonomie und Eigenschaften.

In Zusammenarbeit mit den Firmen Knapp, AVL oder Infineon forscht er derzeit an modernen Assistenzsystemen, womit Servicemitarbeiter künftig Unterstützung erhalten sollen, ohne jedoch die Fertigkeit durch zwei freien Händen zu beeinträchtigen. Dazu könne man allerdings auch eine Verbindung zwischen zentraler Datenschnittstelle und Servicemitarbeiter schaffen, um Datenblätter anzusehen, die Servicetätigkeit anzuleiten oder zu überwachen. Bei Infineon plane man, LCDs auf den Transportboxen, die den nächsten Bearbeitungsschritt anzeigen, durch Datenbrillen für Mitarbeiter zu ersetzen.

Mit einem sehr pragmatischen Zugang zu Industrie 4.0 krönte Herbert Vitzthum von Siemens PLM Software die Vortragsreihe beim Industrie 4.0-Fachkongress. Er knüpfte an die vorgehenden Vorträge passend an, indem er den Teilnehmern noch einmal vor Augen hielt, wie oft zuvor die Rede von zusätzlich benötigten Daten war. „Nur, wie kommen diese Daten nun ins System?", so Vitzthum. Die Antwort darauf liefere ein PLM-System wie das von Siemens. PLM (Product Lifecycle Management) diene als Datenbackbone für Produkt, Prozess- und Fertigungsdaten, und dazu, diese auszuwerten, zu analysieren und zu archivieren.

Er gab den Kongress-Teilnehmern noch einen Ratschlag mit auf den Weg: „80 Prozent der Kosten (einer Produktion) können Sie am Anfang bestimmen". Deshalb würde sich eben auch ein PLM-System, das Konstruktion und Fertigung verbindet und mit dem man Abläufe virtuell simulieren kann, selbst bei einer einfachen Fertigung schnell rechnen. Und eben auch weil man „nur soviel wie gerade notwendig, um auf dem Markt erfolgreich agieren zu können von PLM in Anspruch nehmen könne". Größere, moderne Fertigungslinien würden heute nur noch via Simulation vor deren Umsetzung geprüft werden. Nur selten würde man diese in der Praxis erproben. PLM ist somit ein Werkzeug von vielen für die Umsetzung von Industrie 4.0 in der Praxis.

Die Fragerunden und Diskussionen im Anschluss an die Fachvorträge zeugten vom hohen Interesse der Teilnehmer. Für die Veranstalter war somit klar: dieses Thema verlangt nach einer Fortsetzung im nächsten Jahr. Und der Mensch bleibt weiterhin im Mittelpunkt.

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